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Schweigende Familien

So, nun will ich doch einmal abseits vom Tagebuch ein paar Gedanken zusammenfassen. Ich möchte mich diesmal mit dem Thema schweigende Familien, Großeltern etc. auseinandersetzen. Ich selbst war davon betroffen, wenn man es so sagen kann und darf. Die einzigen Male, in denen ich erlebt hatte, daß meine Großmutter böse wurde, waren, wenn ich sie nach der Vergangenheit fragte. So passte so recht gar nicht in das Dorf, in dem sie lebte. Antworten habe ich nie erhalten. Ich habe es letztlich respektiert, daß das für sie, wie sie sagte abgeschlossen und vorbei sei. Ihre Ängste aber haben sie bis zum Schluß begleitet, wie ich erst viel später realisieren konnte.

Wie also sollte man davon erfahren? Ich hatte das Glück, daß ihre Schwester, meine Großtante mir einiges von sich erzählte, als ich noch ein Kind war. Ich fand das sehr normal und dachte lang genug, daß es normal war, im Krieg jede Nacht in einer anderen Wohnung in Kellern und Dachböden, Scheunen, Gartenlauben und was weiß ich noch zu übernachten. Das hieß als Kind einfach Krieg für mich. Daß das ganz und gar nicht so war, lernte ich erst in der Schule. In der zweiten Klasse sollten wir z.B. unsere Großeltern fragen, wie sie den Krieg erlebt hatten und die Geschichte dann erzählen und mit selbstgemalten Bildern festhalten. Eine Wandzeitung sollte gemacht werden. Meine Oma hatte kein Telefon, also konnte ich sie nicht fragen. Meine Tante ebensowenig. Also fragte ich meine andere Oma, die genauer gesagt nicht meine Oma war. Für mich aber in der Nähe und befragbar. Von ihr erfuhr ich andere Geschichten. Geschichten von Flucht und Vertreibung. Von ihrer Heimat in Ostpreußen, bei Königsberg. Von der Familie, für die sie arbeitete, die plötzlich über Nacht verschwanden. Und ihrem Treck Richtung Westen. Sie hat ihr altes Zuhause nie wieder gesehen, auch wenn sie die Möglichkeit hatte. Sie hielt es nur für allzu gerechtfertigt, daß die Gebiete abgetreten wurden, nach alle dem… Ich kenne also zwei Seiten. Ihre Dienstfamilie hat sie übrigens dann irgendwann wiedergefunden. Sie hatten das Glück der Auswanderung.
In der Schule dann aber erfuhr ich Geschichten von Soldaten, Front, Ausbombung, Hitler Jugend und BDM. Mir alles sehr fremd. Und damit begann wohl doch irgendwie die Suche, was bei „uns“ anders war als woanders.

Bis heute weiß ich nicht genau, was mit meiner Großmutter mütterlicherseits während des Krieges genau geschah. Ich weiß, daß sie eine Zeit lang Zwangsarbeiterin war. Ich weiß, daß es verschiedene Papiere mit verschiedenen Namen gab, ich weiß inzwischen von einem Pfarrer, der Bescheinigungen ausstellte und ich weiß, daß sie einen gefälschten „Ariernachweis“ hatte. Dies aber nur durch Erzählungen meiner Mutter. Bis heute aber kenne ich keine Namen, keine Orte. All das bleibt verschüttet. Als mein wirkliches Interesse erwachte und ich mehr wissen wollte, war meine Großtante zu dement, sie zu befragen. Meine Oma hat bis zu ihrem Ende nicht geredet. Meine „Rückkehr“ in die Gemeinde haben aber beide noch mitbekommen. Ich hatte etwas Angst, es meiner Großmutter zu sagen, da ich ihr keine Sorgen bereiten wollte. Sie sagte nur: „Das ist gut!“ und meine Tante, es war das letzte Lächeln, daß ich gesehen habe bei ihr. Sprechen konnte sie schon nicht mehr. Ich nehme beide Reaktionen als positiv. Ich fühle mich auch verantwortlich, eine Lücke zu füllen, die es seit mindestens zwei Generationen gab. Ich lerne noch immer zu akzeptieren, daß ich nie die ganze Geschichte meiner Familie kennen werde. Aber inzwischen weiß ich auch, daß meine Geschichte nicht so selten ist. Nur darüber schweigen sollte man nicht mehr. Es wurde genug geschwiegen.

9s Kommentare

  1. Anonym Anonym

    Das ist interessant, danke für Deinen Bericht. Wie hat den der andere, nichtjüdische Teil Deiner Familie auf Deinen Gemeindeeintritt reagiert? Läßt sich Deine Mutter von Deiner Begeisterung anstecken, oder ist ihr ihre Herkunft eher egal?
    Wie kamst Du zu Deiner Entscheidung, in eine liberale Synagoge zu gehen? Du hättest Dich ja auch für die Orthodoxie entscheiden können. Oder liegt das auch an der Geografie, daß die Synagoge, die Du besuchst, im ehemaligen Ostteil der Stadt liegt?
    Schabbat Schalom!

  2. Hmm, eigentlich sollte ich Deinen Fragen einen längeren Post widmen, werde ich auch noch. Dennoch vorerst die Kurzversion:
    Der nichtjüdische Teil bestand eben nur aus dieser Großmutter, die eigentlich nicht meine Großmutter war. Bei meiner Rückkehr lebte sie nicht mehr. Ich bin mir aber sicher, sie hätte es gut geheißen.
    Meine Mutter kommt ab und an auch mal in die Synagoge, ist aber weniger aktiv, was ein Gemeindeleben betrifft. Ich denke einfach, daß sie ein geringeres Bedürfnis nach Gemeinde hat.
    Die Geografie hat tatsächlich auch eine Rolle bei der Synagogenwahl gespielt. Dennoch habe ich auch ein „Synagogenhopping“ hinter mir. Im Allgemeinen reagiere ich recht empfindsam auf „Schwingungen“. Diese waren nicht überall gut. Und letztlich gehe ich auch da hin, wo Freunde sind und ich nicht nach meinem Äußeren beurteilt werde oder danach, wie oft ich da bin, mit wem ich spreche…
    Ich hatte auch eine „orthodoxe Phase“, wie ich es nenne. Ich denke, jeder macht in seinem Leben solche Phasen durch, da man sich im Laufe des Lebens verändert. Vielleicht kommt diese Phase auch wieder – auch Alija war einmal angedacht. Momentan bin ich aber zufrieden, so wie mein Leben ist. Die „perfekte“ Gemeinde aber habe ich noch nicht gefunden. Allerdings kann ich auch nicht genau sagen, wie sie aussehen soll. Ich bin überzeugt, man weiß es, sobald sie gefunden hat.

    Dir auch Schabbat Schalom!

  3. ora ora

    Hej Juna,

    finde es interessant, etwas über Deine Schulzeit in der DDR zu hören. War man da dem BDM gegenüber wirklich so unbefangen?

  4. @ora

    Ich denke nicht, daß man da so unbefangen war. Dieses Erlebnis war wie gesagt, als ich in der zweiten Klasse war. Ich kann mich nicht mehr an die Lehrerreaktion erinnern, da das andere (die anderen Geschichten) mich mehr beeindruckten.

    Später habe ich die Pioniere mal mit der HJ/ BDM verglichen und bin deshalb fast von der Schule geflogen. Also demnach war der Umgang alles andere als unbefangen.

    Wie ich sehe, sollte ich vielleicht generell mehr zum Thema schreiben, da viel in der Nostalgie untergeht. Ich habe zumindest an meine Schulzeit kaum nostalgische, mehr traumatische Erinnerungen….

    @grenzgaenge:

    Muß ich doch gleich mal nachlesen!

    Shavua tov, Euch allen!

  5. Anonym Anonym

    Welche Altersklasse bist Du denn ungefähr? Ich habe Bekannte, die waren zum Teil bei „Wir für uns“, manche waren aber beim Mauerfall zu jung, um tatsächlich die Situation der Juden in der DDR richtig erlebt zu haben. Nur um nachzuvollziehen, wie Du die Zeit eigentlich einordnen kannst.

  6. @ anonym:

    Meine Familie hatte mit der östlichen Gemeinde nichts zu tun so weit ich weiß.
    Sonst tu mich in die dreißiger. Bevor ein Aufschrei kommt: ich kann mich sehr gut an die Zeit „vorher“ und vor allem „während“ erinnern

  7. Starker Bericht. Berührt mich wohl auch deshalb gerade besonders, weil ich erst vor ein paar Tagen beiläufig und am Rande einer lustigen Familienfeier erfahren habe, dass ein Urgroßvater an Mißhandlungen im KZ verstarb – verhaftet als Zeuge Jehovas. Über Jahrzehnte war das nie Thema und ich bin auch gar nicht auf den Gedanken gekommen, zu fragen. Und das fühlt sich auch deswegen so seltsam an, weil ich als Religionswissenschaftler Hunderte Male über Zeugen Jehovas gelesen und gearbeitet habe und beruflich intensiv mit (v.a. jüdischen) Opfern und Überlebenden der NS-Zeit zu tun hatte – ohne irgendeine Verbindung zur eigenen Familiengeschichte zu vermuten. Nun will ich versuchen, wenigstens noch ein paar Dinge heraus zu finden, dem Verstorbenen vielleicht mal ein ehrendes Gedenken bereiten zu können. Ich verstehe (noch) nicht, warum man ihn so vergessen hat – wobei ein Teil der Antwort womöglich auch darin liegen könnte, dass meine Familie bis 1976 in der DDR lebte. Aber es fühlt sich trotz allem sehr, sehr seltsam an, wenn die vorher doch eher abstrakte Geschichte einen plötzlich selbst berührt…

    Naja, ich wills jetzt mal einfach dabei belassen, wird sich schon setzen, irgendwie.

    PS: Willkommen in meiner Blogroll!

  8. Anonym Anonym

    Hallo Juna, wir haben Dezember 2013, ich lese gerade deinen Bericht. Er berührt mich. Auch in meiner Familie wurde geschwiegen. Dass ich jüdische Wurzeln habe, erfuhr ich erst mit ca. 14 oder 15 Jahren. Die Juden in meiner Familie sind alle katholisch konvertiert und ich frage mich, wie sie den Holocaust überleben konnten. Es wurde darüber nicht gesprochen sondern geschwiegen. Nun sind viele schon verstorben, wie das halt so ist…im Laufe der Zeit….. . Ich finde es sehr schade, dass nun so vieles im Verborgenen bleiben wird. Lieben Gruß

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